von Christina Schößler

Wie wird man Politiker/in? Welche Aufgaben hat die Gemeinde? Wie wird man Mitglied der
Gemeindevertretung? Welche Themen werden in der Gemeindevertretung besprochen? All diese Fragen lassen sich natürlich durch Lektüre von Texten aus Schulbüchern beantworten, doch dadurch bleibt das Thema für die allermeisten Schülerinnen und Schüler theoretisch, fern der eigenen Lebens- und Erfahrungswelt und am Ende gerät es schnell in Vergessenheit. Demokratie lebt vom Mitmachen! Sie will mitgestaltet werden. Man muss für sie kämpfen.

Die Grund-und Gemeinschaftsschule Schafflund schlägt daher seit fünf Jahren einen anderen Weg  ein, um die Politik vor Ort für Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen erlebbar zu machen.  Innerhalb einer Vorhabenwoche wird Kommunalpolitik anhand eines zweitägigen Rollenspiels greifbar gemacht, kombiniert mit dem Besuch der Schauplätze des Geschehens, der Amtsverwaltung, des Kreishauses, des Landtags.

Die Schülerinnen und Schüler bilden Parteien, stellen Listen auf und beraten über Ziele ihrer Partei, die sie dann im Plenum anhand von Präsentationen den anderen vorstellen. Sie machen die Erfahrung, wie schwierig es ist, Einigkeit zu erzielen und Kompromisse eingehen zu müssen. Hinzu kommen geladene Gäste verschiedener Parteien der Gemeindevertretung, die den Rollenspielgruppen beratend zur Seite stehen und im Plenum berichten, wie sie selbst zur Politik gekommen sind. Die Forderungen der Parteien sind danach themenreich: „Bessere Busverbindungen in die Stadt!“ „Mehr Platz für Leute mit Hunden!“ Über die Forderung nach einem schnelleren Internet waren sich alle Parteien einig. Danach wird am Ende des ersten Tages des Rollenspiels eine Wahl durchgeführt. Für den Besuch des Kreistages wird auch gleich die Wahl  durchgeführt, allerdings mit nur einer Stimme für eine Partei.

Der nächste Tag beginnt mit der Bekanntgabe des Wahlausgangs und der Verteilung der Sitze. Anhand der Gemeinderatswahl im letzten Jahr wird die Stimmenauszählung und die Sitzverteilung  nach Hare-Niemeier erklärt und dann werden die Sitze entsprechend der Schülerwahl nachvollzogen. Das gesamte Prozedere ist für die Schülerinnen und Schüler recht kompliziert, insbesondere wenn auch noch Überhangmandate entstehen. Durch das Handeln gewinnen sie allerdings ein besseres Verständnis für den Vorgang. In der konstituierenden Sitzung wird der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin gewählt.  Diskutiert wird nach Möglichkeit über ein aktuelles und spannendes Thema der Gemeinde. Aktuelles Thema diesmal: Wohnen in der Zukunft:  wie will die Gemeinde ein neues großes Wohngebiet nutzbar machen? Sollen Gemeinschaftsflächen und Räume entstehen? Sollen Autos außerhalb parken? Wird es gemeinsam genutzte Grünflächen geben? Wie können die Vorgaben vom Land gegen unnötige Flächenversiegelung und gegen Zersiedelung eingehalten werden? Nun sind die Schülerinnen und Schüler gefragt. Diese verschaffen sich bei einer Ortsbegehung einen Überblick über die Lage und und erfahren von einem Mitglied des Bauausschusses, was die Gemeinde vor der Erschließung so alles bedenken muss: Welche Abstände zu Windmühlen müssen eingehalten werden? Welche Energieversorgung soll gewählt werden? Wie kann man das anfallende Regenwasser kanalisieren? Nach der Exkursion wird in den Parteien beraten und der Fokus auf vier Zielwünsche gelegt. In der anschließenden Gemeinderatssitzung werden die Punkte diskutiert. Auch die übrigen Schüler im Publikum dürfen
mitberaten. Der Tag endet mit einem Feedback einzelner Schülerinnen und Schüler. Einig sind sie sich dahingehend, dass das praxisnahe Rollenspiel mehr Verständnis für die Situation in der Gemeinde schafft und langfristiger im Gedächtnis der Schülerinnen und Schüler haften bleiben wird.

Am nächsten Tag steht der Besuch der Amtsverwaltung an. Dafür wird der Jahrgang allerdings geteilt, weil die Räumlichkeiten begrenzt sind. Hier erfahren die Schülerinnen und Schüler etwas über den Amtsbereich und die Aufgaben der Gemeinde und haben natürlich wieder Gelegenheit, Fragen beantwortet zu bekommen.

Der Besuch im Kreistag gibt den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, im Bürgersaal, dem Sitz des Kreistages, Platz zu nehmen, und eine konstituierende Sitzung mit Landratswahl und anschließender Diskussion über ein vorgegebenes Thema nachzuspielen. Thema diesmal: Eine
Bauschuttdeponie wird benötigt; möglicher Standort: Schafflund. Einige Kreistagsabgeordnete begleiten die Gespräche und stehen mit Rat und Hilfe zur Seite.

Beim Besuch des Landtags in Kiel dann die überraschende Erkenntnis, dass der Ton bei der Plenarsitzung zwischen den Abgeordneten der Parteien doch recht rau sein kann. In der anschließenden Fragerunde mit Abgeordneten des Landtages scheuen sich die Schülerinnen und Schüler nicht, brisante Fragen, etwa zur Bildungspolitik, zu stellen. Am Ende der Woche ziehen sie  das Fazit: „Der Kontakt zu Politikern und die Besuche politischer Schauplätze öffnet das Verständnis für Vorgänge und Themen. Durch den Erstkontakt ist die vertiefende Beschäftigung mit Ereignissen im Ort und im Land erleichtert.

Zusammenfassung der Woche:

1.Tag: Kommunale Ebene: Parteien, Wahlen, Gemeindevertreter vor Ort…..
2.Tag: Kommunale Ebene: Bgm-Wahl, aktuelles Thema zur Beratung und Beschlussfassung…
3.Tag: Kommunale Ebene: Exkursion zur Amtsverwaltung, Inhalte …..
4.Tag: Kreisverwaltung: Exkursion zum Kreistag in Schleswig, Diskussion eines Themas
5.Tag: Landesverwaltung: Besuch der Landtags in Kiel, Gesprächsrunden mit Abgeordneten

Dieser Artikel ist ebenfalls erschienen in: Schule aktuell. Heft 4, 2019. Herausgegeben vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein. Schmidt & Klaunig, Kiel.